{"id":4236,"date":"2013-12-04T09:40:05","date_gmt":"2013-12-04T07:40:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/?p=4236"},"modified":"2017-04-27T11:36:22","modified_gmt":"2017-04-27T09:36:22","slug":"das-tourette-syndrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/gesundheit\/das-tourette-syndrom.html","title":{"rendered":"Das Tourette-Syndrom &#8211; eine Krankheit fernab vom Klischee"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"left size-thumbnail wp-image-4237\" src=\"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tourette-225x135.jpg\" alt=\"Tourette\" width=\"225\" height=\"135\" \/>Tourette &#8211; ist das nicht diese seltsame Krankheit, bei der immer Schimpfw\u00f6rter geschriehen werden? Soweit das verbreitete Klischee, mehr wei\u00df aber kaum jemand \u00fcber diese Krankheit, der nicht selber im engen pers\u00f6nlichen Umfeld einen am\u00a0Tourette-Syndrom Erkrankten kennt. Tats\u00e4chlich macht dieser als Tic bekannte Ausdruck der Krankheit nur einen Bruchteil der Symptomatik aus, denn bei dem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom selbst handelt es sich um ein deutlich komplexeres Krankheitsbild, das nach wie vor nicht vollst\u00e4ndig erforscht ist. Wir informieren Sie im folgenen Artikel \u00fcber die m\u00f6glichen Ursachen, die Symptome des Krankheitsbilds sowie\u00a0 Therapiem\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Was ist das Tourette-Syndrom und wie entsteht es?<\/h2>\n<p>Das Tourette-Syndrom wurde lange Zeit f\u00e4lschlicherweise als St\u00f6rung von Verhalten und Emotionen definiert, aber mittlerweile wei\u00df man mehr: Das Krankheitsbild wird unter die St\u00f6rungen der Entwicklung des Nervensystems gez\u00e4hlt, den neuropsychiatrischen Erkrankungen. Deutschlandweit ist etwa 1% der Bev\u00f6lkerung von dieser Krankheit betroffen, M\u00e4nner dabei je nach Studie 3 bis 6 mal \u00f6fter als Frauen, eine genetische Disposition f\u00fcr die Krankheit wird aufgrund famili\u00e4rer H\u00e4ufungen vermutet. Sichere Werte zu der H\u00e4ufigkeit des Tourette-Syndroms gibt es bislang nicht, da der Diagnose-Prozess langwierig ist und die Symptomatik mit zunehmendem Alter abnimmt. Ihren Lauf nimmt die Krankheit normalerweise im Jugendalter, oft aber nicht immer gab es schon vor dem Krankheitsausbruch neurologische Auff\u00e4lligkeiten, wie beispielsweise ADHS oder auch fr\u00fchkindlicher Autismus.<\/p>\n<p>Das Krankheitsbild wird durch verschiedene Tics charakterisiert, die der Betroffene zwar eine Weile zur\u00fcckhalten, aber kaum ganz unterdr\u00fccken kann. Sie ent\u00e4u\u00dfern sich manchmal einzeln, oft auch serienm\u00e4\u00dfig und ruckartig, h\u00e4ufig auch sehr heftig. Vermutlich liegen die Ursachen f\u00fcr die sogenannten Tics, die das Leben des Betroffenen beherrschen, in einer \u00dcberempfindlichkeit des Kleinhirns f\u00fcr bestimmte Botenstoffe. Dadurch ist das Hemmungsverm\u00f6gen des Kleinhirns nur sehr mangelhaft ausgebildet und jeder Impuls f\u00fchrt unwillk\u00fcrlich zu einer Reaktion &#8211; einem sogenannten Tic.<\/p>\n<h2>Die Tics und wie sie sich zeigen<\/h2>\n<p>Diese Tics k\u00f6nnen auf sehr unterschiedliche Art und Weise in Erscheinung treten. Grob unterteilen kann man die m\u00f6glichen Symptome in motorische Tics, vokale Tics und andere Tics.<\/p>\n<p><strong>Motorische Tics (Muskelzuckungen):<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Gesichtstics: Grimassen ziehen, Augenzwinkern, Zunge blecken, schielen, Nase r\u00fcmpfen, Z\u00e4hneknirschen, &#8230;<\/li>\n<li>Oberk\u00f6rper Tics: Kopf- und\/oder Schulterzucken, Haare zur\u00fcckwerfen, &#8230;<\/li>\n<li>Komplexe Tics: schlagen (auch sich selbst), k\u00fcssen (sich und andere), kneifen (sich und andere), &#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Vokale Tics (Laut\u00e4u\u00dferungen):<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Einfach: Grunzen, St\u00f6hnen, R\u00e4uspern, Schmatzen, Pfeifen, &#8230;<\/li>\n<li>Komplex: Wiederholen von W\u00f6rtern und S\u00e4tzen, murmeln, Selbstgespr\u00e4che, Schlagwortartige \u00c4u\u00dferungen, &#8230; darunter z\u00e4hlen auch:<\/li>\n<li>Echolalie: Lautwiederholungen von anderen<\/li>\n<li>Palilalie: eigene Lautwiederholungen<\/li>\n<li>Koprolalie: F\u00e4kalsprache und obsz\u00f6ne Laut\u00e4u\u00dferungen<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Andere Tics:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Echopraxie: Nachahmen von Gesten (eigene und andere)<\/li>\n<li>Kopropraxie: Ausf\u00fchrung obsz\u00f6ner Gesten<\/li>\n<li>ritualisierte Zwangshandlungen: Z\u00e4hlen, fortw\u00e4hrendes Wiederholen von Redewendungen oder Verhaltensweisen, &#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Das Leben als Tourette-Kranker<\/h2>\n<p>Schon bei der Aufz\u00e4hlung der m\u00f6glichen Tics wird klar, dass das Tourette-Syndrom deutliche Auswirkungen auf das Leben und den Alltag eines Betroffenen haben muss. W\u00e4hrend manche Tics, wie beispielsweise unwillk\u00fcrliches Zwinkern oder Z\u00e4hneknirschen, noch relativ leicht in den Alltag zu integrieren sind und den Patienten nur geringf\u00fcgig einschr\u00e4nken, f\u00fchren andere Tics, wie beispielsweise die meisten vokalen Tics oder komplexe motorische Tics je nach H\u00e4ufigkeit und Intensit\u00e4t zu massiven sozialen und emotionalen Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<p>Da die Krankheit normalerweise mitten in der Adoleszenz einsetzt, also in einem Alter, in dem die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung in vollem Gange ist, entwickelt ein Betroffener selten ein ausgepr\u00e4gtes Selbstbewusstsein. Oft muss er sich schon fr\u00fch Spott und H\u00e4nseleien gefallen lassen. Dazu kommt das Wissen, dass er seine Tics nur unter \u00e4u\u00dferster Willenskraft herausz\u00f6gern, aber nicht wirklich unterdr\u00fccken kann. Man kann sich das \u00e4hnlich vorstellen, wie bei einem Dampfkochtopf: Eine Zeitlang kann er den Dampf innen halten, aber von Minute zu Minute steigt der Druck, bis er sich schlie\u00dflich entladen muss. Viele Tourette-Kranke m\u00fcssen deshalb mit der st\u00e4ndigen Angst vor Blamage leben, dazu kommt die Angst, sich und andere zu verletzten. Deshalb ziehen sich Betroffene h\u00e4ufig zur\u00fcck und leben lieber einsam, als sich st\u00e4ndig den verwunderten Blicken Au\u00dfenstehender und der damit verbundenen Scham auszusetzen.<\/p>\n<p>Mit einem stark ausgepr\u00e4gten Tourette-Syndrom ist aber nicht nur das soziale Leben eingeschr\u00e4nkt, auch der berufliche Alltag wird deutlich erschwert. Damit einher gehen h\u00e4ufig finanzielle Schwierigkeiten durch Erwerbsausfall. Zwar sind die Betroffenen grunds\u00e4tzlich normal leistungsf\u00e4hig, durch soziale Stigmatisierung und weil sie nur bedingt in Berufen mit Publikumsverkehr eingesetzt werden k\u00f6nnen, sind sie in ihrer Berufswahl und damit in ihren Erwerbsm\u00f6glichkeiten allerdings dennoch deutlich eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<h2>Folgeerkrankungen und begleitende Symptome<\/h2>\n<p>Dazu kommt, dass die Tics h\u00e4ufig schon rein k\u00f6rperlich sehr anstrengend sind. Als Folge sind Betroffene oft ersch\u00f6pft, haben Muskelschmerzen und \u00e4hnliches. Die psychischen Leiden sind aber gr\u00f6\u00dfer: Ausgrenzung, Selbstwertproblematik, zwanghaftes Verhalten, Probleme in der Partner- und Berufsfindung f\u00fchren langfristig h\u00e4ufig zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen: Depressionen und Angstst\u00f6rungen sind hier sehr h\u00e4ufig, aber auch St\u00f6rungen des Sozialverhaltens und aggressives Verhalten sich selbst und anderen gegen\u00fcber kann eine Folge des Tourette-Syndroms sein. Diese Folgeerkrankungen sind selbst behandlungsbed\u00fcrftig und m\u00fcssen in Verbindung mit dem Tourette-Syndrom therapiert werden.<\/p>\n<h2>Die Diagnose und Therapie des Tourette-Syndroms<\/h2>\n<p>Die Probleme, die ein Betroffener schon durch seine Erkrankung erlebt, werden h\u00e4ufig dadurch erschwert, das eine Diagnose nur schwer gestellt werden kann. Ein Grund hierf\u00fcr ist die Vielfalt an m\u00f6glichen Symptomen, ein weiterer die Tatsache, dass sich diese im Laufe der Erkrankung ver\u00e4ndern oder abschw\u00e4chen k\u00f6nnen. Auch ist es m\u00f6glich, dass die Tics \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum aussetzen. Dabei gibt es aber keine neurologischen oder psychologischen Diagnoseverfahren, die eindeutige Ergebnisse bringen, eine Diagnose kann nur \u00fcber die Beobachtung und Einordnung der Tics erfolgen. Daf\u00fcr ist allerdings seitens des Arztes spezielles Fachwissen und eine Fokussierung auf das Tourette-Syndrom notwendig, die Tics isoliert betrachtet k\u00f6nnten auch auf andere neurologische St\u00f6rungen hinweisen.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass eine Therapie Betroffene nicht von der Krankheit heilen kann, sondern lediglich zur Folge haben kann, dass die Symptomatik abgeschw\u00e4cht wird. Hierf\u00fcr finden haupts\u00e4chlich medikament\u00f6se Therapien mittels Beta-Blocker oder Neuroleptika Einsatz. Erg\u00e4nzend sollte aber auch auf jeden Fall eine Psychotherapie durchgef\u00fchrt werden, um die sozialen und emotionalen Probleme, die durch das Tourette-Syndrom hervorgerufen werden, einzud\u00e4mmen. Hier sind auch Selbsthilfegruppen eine gute M\u00f6glichkeit f\u00fcr Betroffene um Wege zu finden, mit ihrer Krankheit umzugehen und ein einigerma\u00dfen normales Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>Des weiteren werden auch andere Therapieformen experimentell eingesetzt: Dazu z\u00e4hlen neurochirurgische Ma\u00dfnahmen, Therapien mit Bet\u00e4ubungsmitteln wie Opiaten und Cannabis, sowie Musik- und Kunsttherapie.<\/p><\/blockquote>\n<h2>Nicht alles ist schlecht<\/h2>\n<p>Nach all diesen negativen Meldungen, gibt es allerdings auch Aspekte am Tourette-Syndrom, die positiv betrachtet werden k\u00f6nnen. In einigen F\u00e4llen f\u00fchrt die extrem niedrige Hemmschwelle n\u00e4mlich auch zu ungew\u00f6hnlich stark ausgepr\u00e4gter Kreativit\u00e4t, auch die Reaktionsf\u00e4higkeit ist h\u00e4ufig schneller und besser ausgebildet als bei &#8222;normalen&#8220; Menschen. Dadurch k\u00f6nnen sich Betroffene nach Akzeptanz ihrer Krankheit durch Improvisationstalent, rasche Auffassungsgabe, und ausgepr\u00e4gte Schlagfertigkeit hervortun. Ziel sollte es also vielmehr sein, die Akzeptanz des Krankheitsbildes zu f\u00f6rdern und nicht nur die Symptome zu unterdr\u00fccken und die Betroffenen damit als &#8222;anders&#8220; und &#8222;krank&#8220; zu brandmarken und auszugrenzen. Denn letztlich steckt in jedem Schrecken auch eine gewisse Chance.<\/p>\n<p>Weitere Infomationen finden sich auf der offiziellen Homepage: <a href=\"http:\/\/www.tourette.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gilles De La Tourette Syndrom<\/a><\/p>\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe<br \/>\nPetra Fischer<br \/>\nGesund24h Redaktion<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tourette &#8211; ist das nicht diese seltsame Krankheit, bei der immer Schimpfw\u00f6rter geschriehen werden? 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