{"id":4219,"date":"2013-11-27T13:39:08","date_gmt":"2013-11-27T11:39:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/?p=4219"},"modified":"2017-04-20T13:22:54","modified_gmt":"2017-04-20T11:22:54","slug":"bipolare-stoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/gesundheit\/bipolare-stoerung.html","title":{"rendered":"Himmelhoch jauchzend, zu Tode betr\u00fcbt: Die bipolare St\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"left size-thumbnail wp-image-4220\" src=\"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/bipolare-stoerung-225x135.jpg\" alt=\"die bipolare St\u00f6rung\" width=\"225\" height=\"135\" \/>Lange ist es noch nicht her, dass Menschen, die an einer psychischen Erkrankung litten, in gef\u00e4ngnisartige Heime weggeschlossen wurden und teils recht qualvolle Prozeduren wie Eisb\u00e4der, Elektroschocks oder gar Hirn\u00f6ffnungen \u00fcber sich ergehen lassen mussten &#8211; und das ist kein schlechter Witz! Mittlerweile ist die Medizin gl\u00fccklicherweise weiter und auch die Gesellschaft zeigt sich psychischen Erkrankungen gegen\u00fcber zunehmend tolerant. Allerdings wissen viele dennoch nur sehr wenig \u00fcber psychische Krankheiten &#8211; was angesichts deren Komplexit\u00e4t auch niemandem zu ver\u00fcbeln ist. Als besonders komplex erweist sich dabei die bipolare St\u00f6rung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Was ist eine bipolare St\u00f6rung?<\/h2>\n<p>Die bipolare affektive St\u00f6rung, fr\u00fcher auch unter dem Begriff &#8222;<em>Manische Depression<\/em>&#8220; bekannt, ist eine ernstzunehmende psychische St\u00f6rung, die unter die Affektst\u00f6rungen gez\u00e4hlt wird. Demnach betrifft sie vor allem die Affekte &#8211; also das Gef\u00fchlsleben &#8211; des Betroffenen.<\/p>\n<p>Das besondere an der bipolaren St\u00f6rung ist, dass hier extreme Schwankungen des Gef\u00fchlslebens auftreten: Meist extrem positiv erlebte Phasen (die manischen Phasen) wechseln sich mit extrem negativ erlebten Phasen (den depressiven Phasen) ab. In den manischen Phasen zeichnet sich der Betroffene durch \u00fcberdurchschnittliche Produktivit\u00e4t und Aktivit\u00e4t aus und befindet sich meist in gehobener, manchmal auch gereizter Stimmung. W\u00e4hrend der depressiven Phasen verf\u00e4llt er hingegen in l\u00e4hmende Aktivit\u00e4tslosigkeit und in ein absolutes Stimmungstief, in dem die Symptomatik der einer klinischen Depression \u00e4hnelt. Zwar gibt es auch Zwischenformen und Misch-Zust\u00e4nde, dennoch bleibt auch hier stets die Neigung zum Extrem erhalten. Der Wechsel der Phasen erfolgt meistens ohne f\u00fcr Au\u00dfenstehende nachvollziehbare Gr\u00fcnde und die Spannung zwischen den beiden Extremen macht ein normales Leben nahezu unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Problematik entsteht dadurch, dass zwischen diesen beiden gegens\u00e4tzlichen Polen keine Stabilisierung auf dem Normalniveau erfolgt &#8211; der Betroffene ist entweder manisch oder depressiv, ein gem\u00e4\u00dfigtes und dadurch realistisches Gef\u00fchlserleben findet nicht statt. Viele Bipolare pendeln zwischen \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Begeisterung und kompletter Verzweiflung. Dieser Zustand ist nicht nur f\u00fcr die Betroffenen selbst, sondern auch f\u00fcr ihre Angeh\u00f6rigen eine ernstzunehmende Belastung. Denn die Angeh\u00f6rigen sind es, die sich st\u00e4ndig in der Pflicht sehen, als ausgleichendes Element zu fungieren, womit sie sich letztlich selbst an die Grenzen der Belastbarkeit bringen.<\/p>\n<h2>Wie wirkt sich eine bipolare St\u00f6rung auf den Alltag aus?<\/h2>\n<p>Das Stimmungsschwankungen das Leben beeinflussen steht wohl au\u00dfer Frage. So extreme Stimmungsschwankungen, wie bei einer bipolaren St\u00f6rung tun es noch viel mehr. Zwar gibt es wie bei jeder anderen Krankheit auch unterschiedlich schwere Krankheitsverl\u00e4ufe, aber dennoch bleibt eine bipolare St\u00f6rung selten ohne Auswirkungen auf den Alltag.<\/p>\n<p>Da sich ein Betroffener in den manischen Phasen h\u00e4ufig sehr schaffensfreudig zeigt und dabei Risiken nur sehr gering einsch\u00e4tzt, die Tatkraft in depressiven Phasen aber v\u00f6llig stagniert, kommt es bei Bipolaren oft zu \u00dcberschuldung: Investitionen werden in manischen Phasen get\u00e4tigt und in depressiven Phasen fallengelassen. Auch der Arbeitsalltag f\u00e4llt durch eine bipolare St\u00f6rung zunehmend schwer, ebenso wie jede andere geregelte T\u00e4tigkeit. Nach dem Ausbruch einer bipolaren St\u00f6rung ist ohne medizinische Behandlung h\u00e4ufig ein Arbeitsplatzverlust die Folge. Der Verlust des Einkommens wirkt sich ebenfalls negativ auf die finanzielle Situation aus, die Unf\u00e4higkeit zuverl\u00e4ssig zu agieren behindert die Wiederaufnahme eines Arbeitsverh\u00e4ltnisses.<\/p>\n<p>Aber nicht nur Gesch\u00e4ftsbeziehungen, auch soziale Beziehungen werden von der bipolaren St\u00f6rung belastet. Angeh\u00f6rigen f\u00e4llt es oft schwer, \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg die ausgleichende Rolle \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen. Sie stecken langfristig viel Kraft in den Erkrankten und verlieren dadurch h\u00e4ufig das Gef\u00fchl f\u00fcr ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse. Folge ist oft ein Burn-Out auf emotionaler Ebene. Zeigt sich der Bipolare nicht behandlungsbereit, bleibt Angeh\u00f6rigen oft nichts anderes \u00fcbrig, als sich aus Selbstschutz von dem Erkrankten zu distanzieren.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass bei bipolaren St\u00f6rung h\u00e4ufig verschiedene Begleiterkrankungen auftreten, die selbst behandlungsbed\u00fcrftig sind &#8211; diesen Vorgang nennt man Komorbidit\u00e4t. Dazu z\u00e4hlen zum Beispiel Alkohol- oder Drogensucht, Panikst\u00f6rungen oder Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen. Ein Grund f\u00fcr diese Begleiterkrankungen kann der Versuch der Selbstmedikamentation sein. Denn nat\u00fcrlich leiden die Betroffenen selbst ebenfalls unter ihrer Affektst\u00f6rung, oft fehlt allerdings die Krankheitseinsicht, die notwendig w\u00e4re, um die bipolare St\u00f6rung behandeln zu lassen.<\/p>\n<blockquote><p>Nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist auch, dass die bipolare St\u00f6rung die psychische Erkrankung mit dem h\u00f6chsten Sumizidrisiko ist: Je nach Quelle begehen rund 30% der Betroffenen Suizid.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei all diesen negativen Aspekten, die einer bipolaren St\u00f6rung anhaften, hat diese dennoch auch durchaus positive Seiten: Menschen die an einer bipolaren St\u00f6rung erkrankt sind, sind h\u00e4ufig extrem charismatisch und kreativ, in ihren manischen Phasen schaffen Sie es die Welt um sie herum mit ihnen zu begeistern, nichts kann sie aufhalten und sie strotzen nur so vor Schaffenskraft. Und auch in ihren depressiven Phasen h\u00e4ngt ihnen noch die Faszination an, die viele K\u00fcnstler umgibt. Tats\u00e4chlich konnte bei vielen genialen K\u00fcnstlern im Nachhinein eine bipolare St\u00f6rung diagnostiziert werden: Vincent van Gogh, Hermann Hesse, Ernest Hemingway, Honore Balzac oder Charles Dickens sind nur einige davon.<\/p>\n<h2>Welche Ursachen hat eine bipolare St\u00f6rung?<\/h2>\n<p>Die bipolare St\u00f6rung tritt bei M\u00e4nnern wie Frauen gleicherma\u00dfen auf, etwa 1,5 &#8211; 3% der Deutschen sind davon betroffen &#8211; diese Anzahl ist allerdings nur ein Sch\u00e4tzwert, da viele Krankheitsf\u00e4lle niemals korrekt diagnostiziert werden. Normalerweise zeigt sich die Erkrankung erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Ein fr\u00fcherer Krankheitsbeginn ist zwar m\u00f6glich, aber \u00e4u\u00dferst selten.<\/p>\n<p>Was die Ursachen einer bipolaren St\u00f6rung betrifft, so sind diese bislang nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Fest steht aber, dass es eine gewisse erbliche Neigung gibt, die das Entstehen dieses Krankheitsbildes beg\u00fcnstigt. Kommen dann weitere Faktoren hinzu, tritt die Affektst\u00f6rung in Erscheinung. Diese Faktoren k\u00f6nnen psychosozialer Art sein, beispielsweise Trauma-Erfahrungen oder extreme Stresssituationen, oder aber sozialisationsbedingt, beispielsweise eine enorme Schw\u00e4chung des Selbstwertgef\u00fchles oder ein sehr unregelm\u00e4\u00dfiger Lebenswandel.<\/p>\n<p>Durch das multifaktorielle Zusammentreffen einer genetischen Disposition und psychosozialer Faktoren oder Sozialisierungsfaktoren kommt es bei den Betroffenen zu einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter im menschlichen Gehirn. Abh\u00e4ngig von der jeweiligen Phase ist die \u00dcbermittlung entweder gehemmt oder beschleunigt. Funktioniert nun der empfindliche Botenstoffaustausch zwischen den Nervenzellen nicht mehr korrekt, ist das die Ursache f\u00fcr eine Vielzahl an Krankheitsbilder &#8211; die bipolare St\u00f6rung ist nur eines davon.<\/p>\n<p>Nicht jeder, der die genetische Neigung dazu hat, erkrankt auch tats\u00e4chlich an einer bipolaren St\u00f6rung. Und nicht bei jedem Erkrankten gibt es mehrere F\u00e4lle in der Familie. Letztlich kann eine Affektst\u00f6rung bei jedem auftreten und sollte weniger als Makel, denn als behandelbare Krankheit betrachtet werden.<\/p>\n<h2>Wie wird eine bipolare St\u00f6rung diagnostiziert?<\/h2>\n<p>Zwar kann man anhand des Botenstoffhaushaltes im Gehirn eine bipolare St\u00f6rung nachweisen, dennoch bleibt ein Gro\u00dfteil der bipolaren Erkrankungen unentdeckt. Denn akute k\u00f6rperliche Symptome liegen nicht vor, schlie\u00dflich betrifft Erkrankung in erster Linie die F\u00e4higkeit zur Gef\u00fchlsregulierung. Die Diagnose wird deshalb aufgrund intensiver Befragung des Betroffenen und seiner Angeh\u00f6rigen gestellt.<\/p>\n<p>Was so einfach klingt ist in der Realit\u00e4t oft ein gro\u00dfes Problem, denn die wenigsten Betroffenen gestehen sich ihre Erkrankung ein. In den manischen Phasen f\u00fchlen sie sich aktiv und lebendig &#8211; nicht der Zustand also, in dem man zum Arzt geht. In den depressiven Phasen sitzt der Betroffene in l\u00e4hmender Passivit\u00e4t fest &#8211; ebenfalls unm\u00f6glich, dann einen Arztbesuch zu organisieren. Und selbst wenn ein Erkrankter dann zum Arzt ginge, w\u00fcrde bestenfalls die Depression diagnostiziert &#8211; nicht die Bipolarit\u00e4t. Sp\u00e4testens beim n\u00e4chsten Phasenwechsel w\u00fcrde sich der Patient dann wieder so gut f\u00fchlen, dass er eine Behandlung als unn\u00f6tig betrachten und sie abbrechen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gelingt es doch eine bipolare St\u00f6rung zu diagnostizieren, hat der Patient oft schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich, oft sogar schon einen Suizid-Versuch. Aber selbst wenn die Bipolare St\u00f6rung endlich diagnostiziert werden konnte, ist der Patient dadurch nicht immer auch behandlungsbereit &#8211; schlie\u00dflich nimmt man ihm mit der Behandlung nicht nur die Leiden der Depression, sondern auch die Freuden der Manie. Auch wegen dieser Diagnose-Schwierigkeiten ist es kaum m\u00f6glich eine realistische Zahl an Krankheitsf\u00e4llen zu bestimmen.<\/p>\n<h2>Wie wird eine bipolare St\u00f6rung behandelt?<\/h2>\n<p>Sieht man davon aber ab, kann eine bipolare St\u00f6rung eigentlich gut behandelt werden. Eine medikament\u00f6se Therapie wirkt sich stabilisierend auf den Botenstoffhaushalt aus, in akuten Notf\u00e4llen helfen auch Interventionsmedikamente zur Beruhigung oder Anregung die Erkrankten zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Da gerade in manischen Phasen aber oft die Krankheitseinsicht schwindet, macht es Sinn, die medikament\u00f6se Behandlung durch eine nicht-medikament\u00f6se Behandlung zu unterst\u00fctzen und zu erg\u00e4nzen. Hier wird h\u00e4ufig auf Psychotherapie gesetzt. Oft ist auch ein vor\u00fcbergehender station\u00e4rer Aufenthalt in einer Klinik sinnvoll, um dort verschiedene Therapieans\u00e4tze kombinieren und aufeinander abstimmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Behandlung einer bipolaren St\u00f6rung ist keine vor\u00fcbergehende Ma\u00dfnahme bis zur Besserung, sondern muss normalerweise ein Leben lang durchg\u00e4ngig fortgesetzt werden.<\/p>\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe<br \/>\nPetra Fischer<br \/>\nGesund24h Redaktion<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange ist es noch nicht her, dass Menschen, die an einer psychischen Erkrankung litten, in gef\u00e4ngnisartige Heime weggeschlossen wurden und teils recht qualvolle Prozeduren wie Eisb\u00e4der, Elektroschocks oder gar Hirn\u00f6ffnungen \u00fcber sich ergehen lassen mussten &#8211; und das ist kein<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4220,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-4219","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheit"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4219"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4219\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4220"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gesund24h.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}